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Himmelsgeschichten: barocke Deckenfresken im Marienmünster

Dießens barocker Prachtbau sticht schon von Weitem ins Auge. Ähnlich dem Kloster Andechs, das dem „heiligen Berg“ weit oben aufsitzt, charakterisiert auch das Marienmünster die leicht hügelige Landschaft um den südlichen Ammersee. 

Baugeschichte

Erbaut wurde die Pfarrkirche, die dem Idealtypus eines barocken Kirchenbaus entspricht und sich einer Bekanntheit bis weit über die Ortsgrenzen erfreut, unter Propst Herkulan Karg. Mit dem Baumeister Johann Michael Fischer sowie der Unterstützung allerhand renommierter Künstler des süddeutschen Raums und Venedigs gelang die Vollendung des imposanten Sakralbaus in den Jahren 1732 bis 1739. Bis heute gilt das Marienmünster als das Wahrzeichen des Künstlerortes Dießen am Ammersee.

Wir wollen einen Blick in das Innere des Marienmünsters werfen – genauer gesagt an seine aufwendig gestaltete Decke. In zarten Farben erstrahlen dort die Fresken des Augsburger Künstlers Johann Georg Bergmüller. Drei Bildflächen – das größere Hauptfresko in der Mitte sowie die zwei kleineren Fresken über Chorbogen und Orgelempore – erzählen von der Baugeschichte des Klosters. Im Folgenden nehmen wir die Bildinhalte etwas genauer unter die Lupe und begeben uns so auf die Spuren der Stifts-Geschichte.

Das Chorbogenfresko

Das Fresko über dem Chorbogen im Marienmünster.
Johann Georg Bergmüller, Die Gründung des Klosters St. Georgen, 1736, Marienmünster Dießen.

Die Deckenmalerei über dem Chorbogen zeigt den Bau der sogenannten ersten Stiftung. Schließlich unterscheidet man in Dießen gleich zwischen drei Klostergründungen, wobei die erste unter dem Abt Rathard und dessen Bruder Hanto im Jahr 815 in St. Georgen erfolgte.

Wenn wir durch den Kirchenraum schreiten und kurz vor dem Altar nach oben blicken, fällt uns zunächst die Figur der Göttlichen Vorsehung ins Auge. Charakterisiert ist diese durch das Dreieck der Heiligen Dreifaltigkeit über dem Haupt; außerdem ist sie mit der Weltkugel sowie einem goldenen Zepter ausgestattet, das sich senkrecht nach unten richtet. Über allem schwebend blickt sie auf die übrigen abgebildeten Personen herab. In weiß-blauem Gewand und mit dem Bauplan auf dem Schoß befindet sich mittig Abt Rathard, auf den die Errichtung des Stifts zurückgeht. Sein Bruder Hanto, der Bischof von Augsburg, ist auf der Rechten mit goldenem Bischofsstab abgebildet und so schnell zu identifizieren.

Weitere Augustiner-Chorherren, Bauarbeiter, Soldaten sowie Kaiser Ludwig der Fromme und dessen Söhne bilden eine Schar um das Brüderpaar. Den Mittelpunkt des Geschehens macht der Grundriss des neuen Klosters aus, der gerade von dem Bauherrn aufgerollt wird. Sowohl das Zepter des Kaisers als auch das der Göttlichen Vorsehung richtet sich auf das Papier, wodurch die Bewilligung des neuen Stifts seitens der himmlischen und weltlichen Macht zum Ausdruck kommt.

Zur Deckenmalerei über der Orgelempore

Das Fresko über der Orgelempore im Marienmünster.
Johann Georg Bergmüller, Die Auffindung der Gebeine des hl. Rathard, 1736, Marienmünster Dießen.

Auf der anderen Seite des Kirchenraums, über der prachtvollen Orgel, erzählt eine weitere Malerei vom Stiftunsgründer Rathard. Das Fresko stellt den Moment der Auffindung seines Grabes dar, das 105 Jahre in St. Georgen gelegen haben soll. Nachdem 955 die Ungarn eingefallen waren und das Kloster – wie viele andere bayerische Bauten und Ortschaften – in Schutt und Asche gelegt hatten, lag Rathards Grab viele Jahre in Trümmern. Erst Jahrzehnte später sollte die Kirche erneut errichtet und damit die Ruhestätte des inzwischen als Heiligen Verehrten wiedergefunden werden. 

Eine wundersame Geschichte

Bei dem Fund des Grabs im Jahr 1013 hat sich der Erzählung nach ein wundersames Ereignis zugetragen: Während des Wegräumens von Bauschutt stoßen die Priester Adelhelm und Ulrich auf einen großen Stein, den sie vergeblich wegzuheben versuchten. Als Adelhelm bereits aufgeben wollte, zog sich Ulrich zunächst zu einem langen Gebet zurück. Und siehe da: Bei seiner Rückkehr ließ sich der Stein plötzlich mühelos vom Fleck heben. Im Zuge der Graböffnung kamen nicht nur die Überreste des hl. Rathard zum Vorschein – den Männern strömte auch ein himmlischer Duft entgegen. Adelhelm und Ulrich hatten also die Grabesstätte gefunden, die über heilige Kräfte verfügte. So soll ein lahmer Mann, den man mit einer Karre an das Grab brachte, auf wundersame Weise geheilt worden sein. 

Das Fresko über der Orgelempore erzählt diese Geschichte in all seinen Einzelheiten. Inmitten der Kirchenruine und unter einer von sechs Engeln umgebenen Wolkenpartie, auf der wir Rathard wiedererkennen, befinden sich zwei Männer in einem weißen Gewand – dabei handelt es sich um die Priester Adelheim (links) und Ulrich (rechts).

Mithilfe der Kraft eines Engels wird der schwere Stein angehoben, sodass sich vor den Geistlichen das Skelett des hl. Rathard auftut. Kleine Rauchschwaden symbolisieren den wohltuenden Geruch, der aus dem Grab gestiegen sein soll. Um die Szene hat sich eine Ansammlung von Personen gebildet, die allesamt Zeugen des wundersamen Ereignisses werden. Unter ihnen befindet sich auch der Gelähmte, der sich beim Anblick der Grabstätte aus seinem Karren erhebt. 

Das Hauptfresko im Marienmünster

Die Decke des Langhauses im Marienmünster zeigt ein dreiteiliges Deckenfresko.

Das größte Fresko erstreckt sich über die drei mittleren Joche des Langhauses. Seine Randszenen erzählen von der Geschichte der Klöster St. Stephan und St. Marien, während der Mittelteil eine himmlische Szene offenbart.

1. Szene

Die Szene am östlichen Rand des großen Deckenfreskos im Marienmünster zeigt die dritte Stiftung des Chorherrenstifts im Jahr 1132 und ihre Bestätigung durch den Papst. Wir finden darin alle für die Gründung relevanten Personen wieder.  

Johann Georg Bergmüller, Deckengemälde über dem Langhaus (Ausschnitt), 1736, Marienmünster Dießen.

Unter einem Baldachin und auf einem Thron sitzend ist der Papst Innozenz II. dargestellt, der von Kardinälen und Klerikern umgeben ist. Vor ihm kniet ein Augustiner Chorherr, dem das Kirchenoberhaupt eine Urkunde mit päpstlichen Bleisiegel überreicht. Am Fuße des Throns erkennen wir ein Gemälde des Marienmünsters, das von zwei Pagen gehalten wird. Links davon befinden sich zwei der Klostergründer: zum einen der Graf Berchtold I. von Dießen, gekleidet in Rüstung, rotem Mantel und Grafenhut. Sein Cousin, Graf Otto II. von Wolfratshausen, ist als weiterer Gründer neben ihm abgebildet.

Etwas weiter links steht Bischof Otto II. von Bamberg, der eine Schenkungsurkunde in den Händen trägt – schließlich dotierte er das Kloster selbst mit großen Schenkungen. Auch Heinrich II. vermachte seinen Besitz in Dießen an das Chorherrenstift, weshalb er mit einem versiegelten Brief als Symbol der Schenkung dargestellt ist. So finden wir in diesem vorderen Akt den Papst, der seine Bestätigung für die Stiftsgründung erteilt, sowie die Hauptgründer und Schenker des Klosters.

2. Szene

Ein Blick auf die gegenüberliegende Seite lässt uns die zweite Szene des großen Freskos erkennen. Diese veranschaulicht den Eintritt der hl. Mechthildis in das Kloster St. Stephan – Dießens zweite Stiftung, die unter Gräfin Kunissa als Chorfrauenstift gegründet wurde.

Johann Georg Bergmüller, Deckengemälde über dem Langhaus (Ausschnitt), 1736, Marienmünster Dießen.

So sehen wir erneut den Grafen Berchtold I., der in Begleitung seiner Gemahlin Gräfin Sophie die fünfjährige Mechthildis zur Erziehung ins Kloster bringt. Das Mädchen ist kniend, in einem weiß-blauem Gewand abgebildet und küsst die Hand des Propstes Hartwich. In Voraussicht auf ihre spätere Heiligsprechung ragt über dem Kopf des Kindes bereits ein Heiligenschein. Hinter Mechthildis sind der Graf und die Gräfin zu erkennen, die ihren Blick ebenfalls auf den Propst richten. 

Eine Reihe weiterer Personen füllen die Szenerie, die sich vor der Fassade des Kirchenbaus abspielt. So stehen hinter dem Grafenpaar Soldaten zur Leibwache bereit und auf einer Treppe sehen wir zwei Frauen mit Kindern, die sich vor Hunden in Sicherheit bringen. Am rechten Bildrand lehnen vier Männer an einer Balustrade, die das Geschehen beobachten. Es ist anzunehmen, dass Bergmüller diese Herrschaften für Portraits mit in das Gemälde einbezog – der zweite von links soll etwa den Kirchenbauer Propst Herkulan Karg abbilden.

3. Szene

Ein Himmelsraum füllt die Fläche zwischen den beiden historischen Szenen des Freskos. Die Heilige Maria, Hauptpatronin der Kirche und des Klosters, thront in der Mitte der Abbildung. Kleine Engel und dicke Wolken umgeben die Himmelsgöttin ebenso wie eine Reihe weiterer Patrone und Heiliger.

Johann Georg Bergmüller, Deckengemälde über dem Langhaus (Ausschnitt), 1736, Marienmünster Dießen.

Direkt unter Maria erkennen wir anhand von Märtyrerpalme, Schild, Rüstung und Drachen den Heiligen Georg – den Patron des ersten Klosters St. Georgen. Rechts davon befindet sich der Heilige Stephanus, den wir durch seine Attribute Stein und Buch wiedererkennen und als Patron der zweiten Stiftung fungiert: St. Stephan.

Als Stifter und Schutzherr der Augustiner-Chorherren ist links der heilige Bischof Augustinus abgebildet, der das Herz Gottes in seiner Hand hält. Am linken Rand sitzen auf dunklen Wolken zwei weitere Heilige: Petrus mit den Schlüsseln und Paulus mit dem Schwert. Ein zartvioletter Baldachin, den einige Engel über Maria und die Patrone spannen, rundet den Blick in das himmlische Theater ab. 

Fazit

In drei Bildflächen geben Bergmüllers Deckenmalereien die Geschichte des Augustiner-Chorherren-Stifts in Dießen wieder. Die historischen Szenen greifen in erster Linie die drei Gründungen des Klosters auf: St. Georgen, St. Stephan und St. Marien. Die Ausnahme bildet einzig der Mittelakt des Hauptfreskos, der die Patrone Dießens abbildet und uns in eine himmlische Sphäre führt.


Fotos: eigene Aufnahmen.
Literatur: Auer, Wilhelm Theodor: Die Klosterpfarrkirche zu Dießen am Ammersee. Dießen 1964.

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